04. Mai 2012 / Sportrecht
Unfall durch Strandsegler

Die 1966 geborene Geschädigte ging am Freitag vor Pfingsten gegen 13.15 Uhr am Strand spazieren und wurde von einem von dem Beklagten zu 1. gelenkten Strandsegelwagen von hinten umgefahren. Sie wurde von der rechten Hinterachse des Segelwagens getroffen und erlitt dabei schwerste Verletzungen an beiden Unterschenkeln; diese wurden ihr nahezu abgetrennt, mit (u. a.) der Langzeitfolge, dass sie dauerhaft zu 50 % schwerbehindert ist (Merkzeichen G). Sie nimmt den Unfallverursacher, den Verein als Veranstalter sowie die Gemeinde als Eigentümerin des Strandabschnitts in Anspruch.

Strandspaziergänger haben Vorrang

Das Gericht stellt fest, dass Fußgänger/ Strandspaziergänger am Strand grundsätzlich absoluten Vorrang vor den Strandseglern genießen. Gegenüber diesen Strandbesuchern, die den Strand im Rahmen des Gemeingebrauchs nutzen, müssen Strandsegler höchste Rücksicht walten lassen. Genau daran hat es der Beklagte zu 1. vorwerfbar fehlen lassen.  Entweder hatte er die Klägerin infolge ungenügender Aufmerksamkeit und damit vorwerfbar zu spät bemerkt, so dass er gar nicht mehr reagieren konnte. Oder er hatte sie zwar rechtzeitig gesehen (nach seinen Angaben, als sie etwa 200-300m entfernt gewesen sei) aber dann bei weiterer Annäherung unfallursächlich vorwerfbar falsch reagiert.

Verein haftet als Veranstalter

Den beklagten Verein trafen auch am Tag vor Beginn der Regattaveranstaltungen Verkehrssicherungspflichten für den Bereich der Regattastrecke, die er verletzt hat, da er schlichtweg nichts, noch nicht einmal die einfachsten Sicherheitsvorkehrungen, getroffen hatte. Unabhängig davon, dass Regattaveranstaltungen nach dem Vertrag zwischen der beklagten Gemeinde und dem beklagten Verein „an sich“ ohnehin unzulässig waren, auch wenn deren Durchführung ständiger Übung entsprach und von der beklagten Gemeinde nicht nur geduldet, sondern offensichtlich auch als Tourismusattraktion gefördert wurden, zudem auch die Nutzung des Strandsegelreviers durch Strandsegelpiloten, die nicht Mitglieder des beklagten Vereins waren – wie der Beklagte zu 1. – ebenfalls „an sich“ unzulässig war, aber ebenso geduldet und gefördert wurde, wusste der beklagte Verein darum, dass gerade diese auswärtigen Piloten, so genannte Erkundungsfahrten unternehmen würden, um sich mit dem Revier (und der Regattastrecke) vertraut zu machen.

Beispielsweise wäre daran zu denken gewesen, die Trainings-/Regattastrecke entsprechend abzutrassieren und mit eindeutigen Warnschildern oder gar Verbotsschildern für die übrigen Strandnutzer zu versehen. Selbst diese sehr einfache Möglichkeit, Strandnutzer vor den offensichtlichen Gefahren derartiger Trainingsfahrten zu schützen, hat der Verein nicht ergriffen, vielmehr hat er schlechterdings überhaupt nichts in diese Richtung unternommen. Dies gereicht dem beklagten Verein zum Verschulden, waren doch die Gefahren für unkundige und arglose Strandspaziergänger gerade durch revierfremde Piloten „mit Händen zu greifen“.

Gemeinde bleibt in der Verantwortung 

Aber auch die beklagte Gemeinde hat die ihr obliegende Verkehrssicherungspflicht verletzt. Zwar hatte sie durch den Vertrag mit dem beklagten Verein die Verkehrssicherungspflichten jedenfalls für die genehmigte (Sonder-) Nutzung durch Piloten, die Mitglieder des beklagten Vereins waren, auf den Verein abgewälzt. Dies hat aber nicht zur Folge, dass derjenige, der Verkehrssicherungspflichten überträgt, generell nicht mehr verkehrssicherungs-pflichtig ist; vielmehr wandelt sich die Verkehrssicherungspflicht in eine Kontroll- und Überwachungspflicht. Dieser hat die beklagte Gemeinde ersichtlich nicht genügt. Hätte die beklagte Gemeinde die ihr verbliebene Pflicht wahrgenommen, hätte sie den beklagten Verein dazu anhalten müssen, schon am Vortage der Regatten, an denen die Testfahrten gerade auswärtiger Piloten stattfanden, entsprechende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die Umstände waren unstreitig der Gemeinde genau so bekannt wie auch dem Verein. Denn es liegt für den objektiven Betrachter auf der Hand, dass dann, wenn einerseits noch kein Regattabetrieb herrscht, sondern „normaler“ Strandbetrieb, andererseits aber Regattapiloten das Gelände erkunden, die „rechtmäßigen“ (und auch bevorrechtigten) Strandnutzer ganz besonders gefährdet sind. Dies musste sich nicht nur dem beklagten Verein, sondern auch der beklagten Gemeinde geradezu aufdrängen und letztere veranlassen, ihre Kontroll- und Überwachungspflicht wahrzunehmen. Dass die in Absprache mit dem Verein aufgestellten und eher unauffälligen Warnschilder "Achtung Strandsegler" dem in keinerlei Weise gerecht wurden, zumal in dem eigentlichen Strandsegelrevier nur gänzlich unzureichend vorhanden, liegt auf der Hand. Die dem Verein gemachten Vorgaben waren schon auf erste Sicht nicht ausreichend und tatsächlich untauglich.

Verletzte erhält Schmerzensgeld und Schadensersatz

Das Gericht sprach der Verletzten angesichts der erheblichen Unfallfolgen , aber auch wegen der lange lange Zeit verzögerten Regulierung durch die Schädiger, ein Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt 70.000 € zu. Es stellte zudem fest, dass der Verletzten sämtliche aus dem Unfall resultierenden materiellen Schäden zu ersetzen seien (OLG Schleswig, Urteil vom 23.02.2011, Aktenzeichen 7 U 106/09).

 

Autor: Professor Dr. Karsten Simoneit

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Professor Dr. Karsten Simoneit

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