16. Juni 2012 / Sport- und Freizeitschifffahrt
Haftung des Skippers für Verletzung der Mitsegler bei Anlegemanöver

Der Kläger eines vor dem Oberlandesgericht Hamm geführten Rechtsstreits (Urteil vom 25.11.2011- Az 9 U 100/10) begehrte die Feststellung der Ersatzpflicht des Beklagten für seinen materiellen und immateriellen Schaden wegen seiner Verletzungen anlässlich eines Unfalls, der sich am 21.01.2007 gegen 21:00 Uhr während eines gemeinsamen Segeltörns in der Karibik ereignete. Der Kläger hatte neben weiteren Personen als Crew-Mitglied an dem Törn teilgenommen; der Beklagte war der verantwortliche Skipper. Am Unfalltag kam der Kläger zu Sturz, als er von dem durch den Beklagten gesteuerten Beiboot, einem Motorschlauchboot, über dessen Bug auf die Badeplattform am Heck der an einer Ankerboje festgemachten Segelyacht "Q" übersteigen wollte. Ursache und Ablauf des Sturzes sind streitig. Der Kläger zog sich eine Schulterluxation mit Begleitverletzungen zu. Das Gericht konnte im Ergebnis keine Pflichtwidrigkeit des Skippers feststellen und wies daher die Klage ab.

Unfallgeschehen zum Teil streitig 

Der Kläger hatte gegenüber dem Gericht behauptet, vor dem Erreichen der Badeplattform mit dem rechten Fuß ins Leere getreten zu sein, so dass er mit seinem ausgestreckten rechten Arm auf der Badeplattform der Segelyacht aufgeschlagen sei. Der Kläger warf dem Beklagten Fehler im Zusammenhang mit dem Anlegen des Beibootes vor: Dieser habe dessen Außenbordmotor zu früh ausgeschaltet, so dass das Beiboot (Dingi) im Augenblick des Übertritts auf die Yacht plötzlich 20 - 30 cm nach hinten versetzt sei; der Beklagte habe ein unzulängliches Festmachen des Beibootes an der Yacht mit der Vorleine durch den zuerst übergestiegenen Zeugen y zu vertreten und habe schließlich die Crew nicht ausreichend in die Handhabung des Dingis eingewiesen.

Der Skipper hatte bestritten, das Anlegemanöver fehlerhaft durchgeführt zu haben und für den Sturz des Klägers verantwortlich zu sein. Er hatte behauptet, der Kläger habe schon mit einem Fuß auf der Badeplattform gestanden, habe die Badeleiter mit der rechten Hand ergriffen und sei dann dort ausgerutscht, wobei er die Leiter nicht losgelassen habe. Dadurch habe er sich die Verletzungen zugezogen.

Die Parteien stritten nun darüber, ob an der Achterkante der Yacht zwei Klampen vorhanden waren, die zur Befestigung des Beibootes in Querstellung zur Badeplattform mit einer Vorder- und einer Heckleine hätten benutzt werden müssen.

Sachverständiger bestätigt Anlegemanöver

Nach dem Ergebnis der vom Gerichtvdurchgeführten Beweisaufnahme ist das vorgenommene Manöver zum Anlegen des Beibootes mit dem Bug an die Badeplattform der Segelyacht "Q" unter Verwendung einer Vorderleine haftungsrechtlich nicht als fehlerhaft anzusehen. Der vom Gericht bestellte Sachverständige Kapitän Dipl.-Ing. I hat dazu in seinem Gutachten ausgeführt, dass die hier gewählte Art des Anlegens des Beibootes (mit dem Bug im rechten Winkel zur Badeplattform der Yacht) ein übliches Manöver sei, insbesondere in der Karibik. Es sei nach allgemeiner Ansicht als risikoarm einzuschätzen und unter den gegebenen Umständen sinnvoll gewesen, weil keine Achterleine im Beiboot vorhanden gewesen sei, den Crewmitgliedern das Übersteigen körperlich zuzumuten gewesen sei, keine Probleme mit dem Außenbordmotor bestanden hätten, kein schweres Wetter vorgelegen habe - die Wellenhöhe in der geschützten Bucht am Ankerplatz habe deutlich unter 25 cm betragen - und die Anlegemethode der Besatzung geläufig gewesen sei. Die sog. Klampen an der Heckseite der Yacht (steuerbord und backbord) seien für die Landleinen der Yacht vorgesehen und zum Festmachen eines Dingis praktisch kaum erreichbar. Spezielle Befestigungsvorrichtungen für das Andocken eines Beibootes seien an der Badeplattform der Yacht nicht vorhanden.

Varianten des Anlegens möglich 

Zwar hatte der Sachverständige darauf hingewiesen, dass es gleichwohl an der Yacht achtern Möglichkeiten gebe, ein Beiboot zu befestigen, nämlich am Heckkorb bzw. an der Heckleiter; an dem Beiboot könne auch eine Achterleine angebracht werden; er persönlich hätte das Beiboot quer zur Yacht angelegt, indem er Leinen an den Klampen der Yacht befestigt und um die Reling gezogen hätte, um diese dann zum Anlegen des Beibootes zu nutzen. Indes hat der Sachverständige ausdrücklich klargestellt, dass er diese abweichende Art des Anlegens nur nach seiner subjektiven Ansicht bevorzugt hätte, es sich dabei aber nicht um einen allgemein zu fordernden Standard handele. Bei der Beurteilung, ob ein Anlegemanöver als fehlerhaft einzustufen sei, gebe es eine gewisse Bandbreite, was noch hinzunehmen sei. Die hier gewählte Variante des Anlegens an der Badeplattform der Segelyacht könne allenfalls als suboptimal bezeichnet werden, sei jedoch zulässig. Eine andere Bewertung sei auch nicht wegen der zur Unfallzeit herrschenden Dunkelheit gerechtfertigt. Der Beklagte sei als Skipper vor dem Hintergrund, dass das durchgeführte Manöver von der Crew schon mehrfach so ausgeführt worden sei, auch nicht verpflichtet gewesen, zusätzlich eine Achterleine zu beschaffen und bei dem Anlegen zu verwenden.

Motor muss nicht zwingend laufen 

Ein Fehlverhalten des Beklagten als Skipper war auch nicht darin zu erblicken, dass er das Beiboot zur Zeit des Überstiegs des Klägers nicht weiter mit Motorkraft (Vortrieb) gegen die Badeplattform drückte. Der Sachverständige Dipl.-Ing. I hat dazu nachvollziehbar erläutert, dass der Motor abgestellt werden dürfe, wenn das Boot mit einer Leine befestigt sei; ein Schiff vor Anker liege auch mit abgestellter Maschine an einer Leine.

Dass der Zeuge y das Beiboot mit der vorhandenen Leine nicht ordnungsgemäß befestigt hatte, war durch das Gericht nicht festzustellen. Der Zeuge hatte ausgesagt, das Seil sei auf Spannung gewesen, nachdem er es um die Relingstütze geschlagen habe; er habe es mit der rechten Hand festgehalten; erst als das Schlauchboot plan an der Segelyacht gewesen sei, sei der Kläger ausgestiegen. Der Sachverständige Dipl.-Ing. I hatte keine Anhaltspunkte dafür gefunden, dass das Festhalten der Leine durch den Zeugen y fehlerhaft war. Auch wenn es zur Bildung einer Lücke zwischen Yacht und Beiboot gekommen sei, sei dies nicht vorwerfbar. Nach den Darlegungen des Sachverständigen können solche Lücken auch durch Seegang bzw. durch das sog. Schwoien und Pendeln (Hin- und Herbewegen) der vor Anker liegenden Yacht entstehen.

Selbst wenn dem Zeugen y bei dem Festmachen des Beibootes ein Fehler unterlaufen wäre, stand für das Gericht nicht fest, dass der Beklagte dies in der konkreten Situation rechtzeitig hätte erkennen und durch geeignete Anweisungen den Sturz des Klägers noch hätte verhindern können.

Fehler bei Einweisung offengelassen 

Ob der Beklagte die Crew ausreichend in die Handhabung des Dingis eingewiesen hat, konnte nach Ansicht des Gerichts offen bleiben. Denn jedenfalls sei - wie ausgeführt - nicht festzustellen, dass das unmittelbar vor dem Sturz des Klägers durchgeführte Anlegen des Beibootes fehlerhaft war.

 

Autor: Professor Dr. Karsten Simoneit

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Honorarprofessor für Wirtschaftsrecht

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